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Fragen an den Journalisten Daniel Wetzel (Zeitung Die Welt)

Wie würden Sie das Verhältnis zwischen „sachlicher/ neutraler Information“ und „Bewertung“ in Ihrer Arbeit als Journalist beschreiben?

Durch wissenschaftlichen Fortschritt und Globalisierung werden Zusammenhänge komplexer und unübersichtlicher. Die Digitalisierung sorgt zugleich für eine Flut von Fakten. Nachrichten sind im Netz gratis und im Überfluss vorhanden. Die Menschen suchen in den journalistischen Angeboten deshalb weniger die Nachricht, als vielmehr deren informierte Einordnung, Bewertung und Kommentierung. Das lässt sich aus den Abrufen journalistischer Online-Angebote sehr deutlich ablesen.

 

Wie groß ist Ihrer Meinung nach der journalistische Einfluss auf die öffentliche Meinung?

Die öffentliche Meinung gibt es nicht, nur öffentliche Meinungen. Soziale Medien haben den journalistischen Einfluss auf die Meinungsbildung in fast allen Fragen reduziert. Gleichzeitig ist die Bedeutung von Redaktionen gewachsen. Denn nur sie bieten regelmäßige Einordnung und Kommentierung auf Basis von Fakten mit klar identifizierbaren Quellen. Anders als andere Informationsangebote im Netz wird redaktionelle Arbeit vom Sorgfaltsgebot bestimmt und berufsständischen Regeln, etwa der, immer auch die andere Seite zu hören: Auditur et altera pars.

 

Ist man als Journalist heute automatisch Teil des Echokammer-Phänomens?

Konsumenten steht es frei, sich aus den verfügbaren Inhalten im Netz ihre eigene Informationsblase oder Echokammer zu bauen. Journalismus erschwert und verhindert das Entstehen von Echokammern. Denn Journalisten arbeiten idealerweise unvoreingenommen, unideologisch und wägen den Einzelfall ab. Wer nur Bestätigung des eigenen Weltbildes sucht, findet im Journalisten keine verlässliche Stütze. Sinn und Wesenskern des Journalismus ist eben nicht die Affirmation, sondern das Hinterfragen und Anzweifeln. Ausnahmen gibt es. Aber nach einem Wort eines großen Berufsvertreters sollte sich ein Journalist auch mit einer guten Sache nicht gemein machen.

 

Wie stehen Sie zur Nutzung ihrer Reichweite in Bezug auf aktuell polarisierende Debatten und Themen?

Journalistische Kommentare dienen der Einordnung und Bewertung eines Vorgangs. Diese Kommentare sind natürlich und zwangsläufig subjektiv. Und natürlich sollen Sie die Öffentlichkeit „beeinflussen“, was aber nichts schlechtes ist, wenn man darunter, „aufwecken, informieren, zum Nachdenken anregen“ versteht. Sie drücken die persönliche Meinung des Autors aus. Kommentare werden deshalb im Unterschied zu anderen Artikeln regelmäßig mit einer Autorenzeile versehen. Sie drücken nicht die Mehrheitsmeinung in der Redaktion aus, sondern sind individuell. Die Handwerksregeln im Journalismus verlangen, dass Kommentare zwangsläufig als solche kenntlich gemacht werden. Kommentare entsprechen nicht der „Meinung des Mediums“, wenn es überhaupt noch so etwas gibt. In meiner Redaktion wird eine lebendige Binnen-Pluralität gelebt: Es erscheinen häufig Kommentare von Mitartbeitern, die eine andere Meinung vertreten, als zuvor ein anderer Kollege oder selbst der Chefredkateur. Eine „Blattlinie“ gibt es in diesem Sinne nicht mehr, solange die Kommentare die verfassungsrechtliche Ordnung nicht infrage stellen und das Fairness-Gebot beachten. Es gibt keinerlei Vorgaben, in welche Richtung ein Kommentar zu gehen hat. Ich selbst konnte in meinen 25 Jahren Berufsleben stets frei entscheiden und schreiben, was ich nach bestem Wissen und Gewissen verantworten konnte. Wenn es einen Einfluss des „Mediums“ gibt, dann beschränkt er sich auf die Auswahl der Mitarbeiter. Es mag in Medien auch vorkommen, dass die Chefredaktion eine bestimmte Meinung befördert, in dem bestimmte Kommentatoren häufiger zugelassen oder angefragt werden, als andere. So ergibt sich das Bild, das einige Zeitungen eher als liberal, andere als konservativ, wieder andere als sozialistisch wahrgenommen werden. Den Ausgleich dafür bietet die Außen-Pluralität, die durch die Pressefreiheit gewährt wird: Niemand ist gezwungen, sich nur aus einer einzigen Zeitungen zu informieren. Daraus folgt der Meinungsstreit, also die in einer Demokratie erwünschte Debatte. Die Sprache eines Kommentars fällt in Stil und Wortwahl schärfer aus, je größer und gravierender der zu kritisierende Skandal ist. Anders als die Pharisäer genießen Journalisten keinen irrationalen Nimbus göttlicher Nähe, der manipulativ auf die Gläubigen wirkt, sondern müssen sich allein durch die Qualität ihres Arguments im Meinungsstreit behaupten.

 

Kommt es vor, dass Sie einen veröffentlichten Bericht/ Kommentar hinterher als fehlerhaft oder unvollständig empfinden?

Journalisten schreiben in der Regel nur, was sich aus zwei unabhängigen Quellen belegen lässt. Größere Features und Analysen beginne ich in der Regel erst dann, wenn ich das Gefühl habe, das Thema ausrecherchiert zu haben. Dennoch kommen Fehler und Auslassungen in Berichten und Kommentaren vor. Es gibt trotz Sorgfaltspflicht auch keine abschließende Sicherheit, bei Recherchen Lügen oder Betrügereien aufzusitzen. Journalisten arbeiten mit knappen Ressourcen und unter hohem Zeitdruck. Ihre Aufgabe ist es nicht, Beiträge von der Tiefe und Gründlichkeit wissenschaftlicher Studien zu verfassen, sondern die schnelle Information und Einordnung des Tagesgeschehens, um nötigenfalls rasches, informiertes Handeln der Verantwortlichen und Betroffenen möglich zu machen.

 

Wenn ja, ist es möglich, dazu öffentlich zu stehen und das zu korrigieren?

Es ist unproblematisch, Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Im Print-Journalismus, der an Bedeutung verliert, werden relevante Faktenfehler durch den Abdruck von Berichtigungen korrigiert. Der Online-Journalismus, der schnell an Bedeutung gewinnt, bringt es mit sich, dass Leser den Beitrag schon Minuten nach seiner Veröffentlichung in der Kommentarfunktion oder auf Sozialen Medien kritisieren können. Stellen Leser dort eindeutige Faktenfehler oder relevante Auslassungen fest, werden diese unverzüglich auf der Homepage korrigiert beziehungsweise ergänzt.

 

Wie wird auf das Eingestehen von Fehlern im journalistischen Bereich reagiert?

Menschlich, also unterschiedlich. Die einen, denen nie ein Fehler unterläuft, reagieren mit Häme, Spott und Selbstgerechtigkeit, zuweilen mit persönlichen Beleidigungen. Leser mit einem Mindestmaß an Medienkompetenz reagieren mit sachlicher Kritik, Verbesserungsvorschlägen, Anregungen und Humor. Institutionen, die wegen eines Faktenfehlers oder eines journalistischen Kommentars einen Imageschaden oder wirtschaftliche Nachteile geltend machen, reagieren mit juristischen Forderungen nach Gegendarstellung oder einer Unterlassungserklärung.

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